Die Köder-Krise: Wenn 400 Kunstköder dich schweigend verurteilen

Man kennt das Gesetz des Angelns: Der Fisch beißt immer auf den Köder, den man gerade nicht an der Schnur hat. Doch was passiert, wenn man eine Tackle-Box im Wert eines Kleinwagens besitzt, stundenlang am See steht und absolut nichts passiert? Willkommen in der Köder-Krise.
Es beginnt friedlich. Die Sonne geht auf, der See dampft und die Raubfische rauben – zumindest in der Theorie. Du öffnest die erste Etage deiner Köderbox. Hier liegt das A-Team: Wobbler, Gummifische, Twitchbaits. Ein Meer aus Neongrün, Schockorange und naturgetreuen Dekors.

Du wählst den Klassiker. Quasi Fanggarantie. Den Wobbler, der immer fängt.

    • Wurf 1 bis 34: Nichts.
    • Wurf 35: Biss – nein, Hänger.

Zweifel schleichen sich ein. Liegt es am Laufverhalten? Zu tief? Zu flach? Du wechselst auf Gummifisch. Naturfarbe, weil das Wasser klar ist. Nach zwanzig Würfen wechselst du auf Schockfarbe, weil der Himmel bewölkt ist. Nach weiteren zehn Würfen montierst du einen Spinner, weil Druckwellen ja die Seitenlinienorgane der Fische triggern. Die Fische triggert das allerdings überhaupt nicht. Sie ignorieren dich mit absoluter Perfektion.
Gegen Mittag erreicht die Krise ihren Höhepunkt. Du kniest vor deiner offenen Angelkiste wie ein Alchemist vor der Formel für Gold. Um dich herum liegen abgeknipste Schnurreste, Wirbel und eine Armee von Kunstködern.
Sie liegen da und starren dich an. Der teure Japan-Wobbler scheint dich arrogant auszulachen. Der Jig mit den Fransen sieht aus wie eine deprimierte Qualle. Und der neonpinke Gummifisch, den du im Rausch der Schnäppchenjagd gekauft hast, schämt sich einfach nur für seine Existenz.

Du versuchst, dich der Situation von einer anderen Seite zu nähern: „Wenn der Wind von Westen kommt und der Luftdruck sinkt, jagen die Barsche eher im Mittelwasser. Also brauche ich einen schwebenden Twitchbait im Dekor ‚Sterbende Plötze‘ …“ Du wühlst tiefer in der Kiste. Die Köder-Krise hat Phasen:

    1. Optimismus: „Heute läuft der flachlaufende Crankbait, ich spür das!“
    2. Taktikwechsel: „Vielleicht stehen sie auf Krebs-Imitationen mit Knoblauch-Aroma?“
    3. Verzweiflung: „Ich hänge jetzt einfach drei Spinner hintereinander und schaue, was passiert.“
    4. Kapitulation: Du montierst einen alten, rostigen Blinker, den du vor zehn Jahren in einem Busch gefunden hast.

Am Ende lernen wir aus der Köder-Krise eines: Hoffnung ist eine unheilbare Krankheit. Denn spätestens auf dem Heimweg planen wir den nächsten Angeltag. Und natürlich endet die Köder-Krise nicht am Wasser. Sie endet im Angelladen. Du stehst an der Kasse und legst mit einem entrückten Lächeln knapp 80 Euro für drei Wobbler und einen Swimbait auf den Verkaufstresen …